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Entdecken,
was ewig gilt
Warum
sich Wissenschaftler wie Günter Blobel und Carl Friedrich von Weizsäcker
für Rekonstruktionen engagieren
Von
Dankwart Guratzsch
Das Votum der Expertenkommission für die äußerliche Rekonstruktion des
Stadtschlosses hat die Debatte um die Zukunft des Berliner Zentrums
neu belebt. In der WELT-Serie, begonnen im November 2000, werden zentrale
Fragen einer Neubebauung erörtert.
In immer mehr Städten streiten Bürgerinitiativen, Vereine und Privatpersonen
für den Wiederaufbau verschwundener Gebäude. Sie stehen oft im Verdacht,
altmodisch zu sein. Ihr Anliegen ist den Denkmalpflegern genauso unheimlich
wie den Architekten. Denn was verschwunden ist, das ist kein "Denkmal"
mehr und kann auch keine "Pflege" beanspruchen.
Das prominenteste Beispiel dieser Wiedererweckungsbewegung für das Verlorene
und Zerstörte ist die Initiative für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses.
Aber in den Augen "orthodoxer" Denkmalpfleger war schon der
Wiederaufbau der Frauenkirche ein Sündenfall, obwohl noch Ruinenreste
des einstigen Wahrzeichens von Dresden vorhanden waren. Inzwischen gibt
es zahllose ähnliche Projekte. Das Potsdamer Stadtschloss und die Potsdamer
Garnisonskirche gehören dazu, in Dresden das gesamte Barockviertel rings
um die Frauenkirche, in Halle das Alte Rathaus, in Leipzig die Universitätskirche.
Die Initiatoren derartiger Projekte der Rekonstruktion müssen sich häufig
als "Ewiggestrige", als "Reaktionäre" oder Fortschrittsfeinde
titulieren lassen. Kulturkritiker halten ihnen entgegen, sie stellten
sich nicht nur dem Neuen in den Weg, sondern auch dem "Geist der
Zeit". Sie wollten verhindern, dass sich auch "unsere Zeit"
in eigenen, selbständigen Schöpfungen beweisen und verewigen könne.
Blickt man allerdings auf die Mitglieder- und Unterschriftenlisten dieser
Initiativen, so lassen sich diese Vorwürfe schwerlich aufrechterhalten.
In die Bewegung für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses haben sich
Vertreter aller Parteien bis zu den Grünen und zur PDS eingereiht. Es
sind Unternehmer, Bürgerrechtler und Bundeskanzler darunter, denen niemand
so leicht nachsagen wird, dass sie nicht aktiv an der Gestaltung "unserer
Zeit" mitgewirkt hätten. Die Vorstellung, dass sie das Schloss
nur deshalb wiederhaben wollten, weil sie das "Rad der Geschichte
zurückdrehen" wollten, ist lächerlich.
Ganz besonders in die Schusslinie der Kritik sind zwei Rekonstruktionsprojekte
in den eng benachbarten Städten Leipzig und Halle geraten. Hier geht
es um sehr alte Bauwerke, deren Wiederaufbau andere Planungen verhindern
würde. Beide entstammen der Kulturepoche der Gotik, beide waren einst
"identitätsstiftend" für diese Städte, beide sind gänzlich
verschwunden. Trotzdem haben sich Bürgerinitiativen gebildet, die vehement
für den Wiederaufbau streiten, obwohl Bauwerke im Stil der Gotik seit
der Vollendung des Kölner Doms noch niemals rekonstruiert worden sind.
Und wieder zeigt sich, dass die Initiatoren nicht weltfremde "Nostalgiker",
sondern im Gegenteil Persönlichkeiten sind, die sich mit bahnbrechenden
Erfindungen und Forschungen einen Namen gemacht haben: der Medizinnobelpreisträger
Günter Blobel und der Philosoph und Atomphysiker Carl Friedrich von
Weizsäcker.
Blobel ist allein schon mit seinem Engagement für den Wiederaufbau der
Dresdner Frauenkirche, für den er seinen Nobelpreis gestiftet hat, zu
einer Zentralfigur für die Rückgewinnung vernichteter Bauwerke geworden.
Er steht gleichzeitig an der Spitze der beiden Dresdner Initiativen
für den historisch getreuen Wiederaufbau des Neumarktes und die Rekonstruktion
des Palais im Großen Garten. Dass er sich nun auch in Leipzig für die
Wiederkehr der Paulinerkirche und in Halle für den Wiederaufbau des
Alten Rathauses einsetzt, hat neues Aufsehen erregt. Wie kann ein Wissenschaftler,
der seine gesamte Arbeit in den Dienst der Erkundung des Unbekannten,
Neuen, Zukünftigen gestellt hat, mit derartigem Eifer die minutiöse
Wiederherstellung des Zugrundegegangenen, Vernichteten, Vergangenen
betreiben?
Fast noch überraschender war es für die Planer, die Universitäten, die
Behördenvertreter in den beiden Städten, dass sich auch Carl Friedrich
von Weizsäcker diesen Bestrebungen anschloss. Dass nicht einmal er,
der Mitarbeiter und Fortführer der Forschungen eines Werner Heisenberg,
den Widerspruch zwischen philosophischer Durchdringung des Zeitgeistes
und seiner scheinbaren Verneinung durch Projekte der Rekonstruktion
untergegangener Bauwerke als unauflöslich empfand, hat selbst hartgesottene
Verfechter des Neuen in beiden Städten verunsichert.
Gibt es Erklärungen? Vielleicht eine sehr einfache, philosophische.
Der Entdecker hat dem Fortschrittssucher eine Erfahrung voraus, die
dieser möglicherweise lebenslang nicht erringen kann: Was er entdeckt,
war schon seit Ewigkeiten da. Neu ist nicht das Naturgesetz, nicht die
Struktur, sondern die Ent-Deckung, mit der er der neuen Erkenntnis zur
allgemeinen Geltung verhilft. Entdecker und Erfinder sind Spezialisten
für das Ewig-Gültige. Vielleicht sind ihnen deshalb ewig-gültige Werke
aus Menschenhand so elementar erfahrbar und bedeutend.
Eine zweite Erklärung zielt auf den "Geist der Zeit". Wer
sagt uns, dass sein Wesen im Streben nach Neuheit liegt? Bürgerbewegungen
für die Rekonstruktion und Wiedererweckung zerstörter und verschwundener
Bauwerke hat es in einem Ausmaß und mit einem Gewicht, in dem sie uns
heute begegnen, noch nie gegeben. Soll es dem "Geist der Zeit"
verwehrt sein, dem rasenden Fortschritt demonstrativ Bilder des Vergangenen
entgegenzusetzen? Liegt in dieser revolutionären Geste, diesem inszenierten
Gegenentwurf nicht vielleicht sogar das eigentlich Neue, Provokative
dieses "Geistes der Zeit"?
Eine dritte Erklärung könnte in der Herausforderung der Globalisierung
und Digitalisierung liegen. Der Schematismus, die Egalität und die Ortlosigkeit,
die durch diese mächtigen Zeiterscheinungen forciert werden, lösen den
Reflex aus, das Unbegriffene verankern, sich der Wurzeln versichern,
das Identische in einen Dialog mit dem Fremden bringen zu wollen. Novalis,
der das Gespür hatte zu sagen: "Wir stehen in Verhältnissen mit
allen Teilen des Universums, sowie mit Zukunft und Vorzeit", sieht
in diesem Reflex die Chance einer "qualitativen Potenzierung":
"Das niedre Selbst wird mit einem bessern Selbst in dieser Operation
identifiziert." Das Ziel dieser Bemühung ist Erkenntnis: "So
findet man den ursprünglichen Sinn wieder."
Vielleicht ist alle Rekonstruktion nur ein tastender Versuch, an diese
äußerste Grenze vorzudringen.
DIE WELT
09. Januar 2002
Feuilleton
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