Das Vermächtnis des streitbaren Forschers

Im Februar verstarb der Nobelpreisträger und Neumarkt-Mäzen Günter Blobel. Ein Vertrauter des Dresden-Liebhabers erzählt, wie dessen Werk vollendet werden soll.

Sächsische Zeitung vom 05.04.2018

Der Nobelpreisträger Günter Blobel war ein großer Freund der Stadt. Als Kind sah er die Stadt im Glanze, später in Trümmern. Oft hat er sich in den letzten Jahren eingemischt – in den Wiederaufbau des Neumarktes zum Beispiel oder den Bau der Waldschlößchenbrücke. Dafür wurde er gefeiert, aber auch angefeindet. Im Februar starb er im Alter von 81 Jahren im New Yorker Stadtteil Manhattan. Architekt Michael Kaiser war ein enger Vertrauter des Mäzens. Im Gespräch mit der Sächsischen Zeitung erzählt er, was Günter Blobel zuletzt über Dresden gedacht hat.

Herr Kaiser, mit der Neumarkt-Gesellschaft lag Günter Blobel im Streit. In den Medien tauchte Dresden in Verbindung mit Fremdenhass auf. Hat er die Stadt noch geliebt?
Günter Blobel hat nie nachgelassen, Dresden und darüber hinaus Sachsen zu lieben, wo er Kindheit und Jugend verbrachte. Das zeigt sich auch daran, dass er für sein Haus am Neumarkt ausschließlich sächsische Firmen beauftragt hatte.

Was sagte er zu Pegida?
Tendenzen bedrohlicher Formen von Hass und Fremdenfeindlichkeit ordnete er nicht in die Kategorie einer ausgeprägten Streitkultur ein, sondern sah hier eher die Folgen mangelnder politischer Bildung. Er war selbst ein Kind, das in zwei Diktaturen aufgewachsen ist. Ihm erschienen auch die Nachwirkungen der jahrzehntelangen Bevormundung als ein Grund für die problematischen und dem Glanz Dresden abträglichen Verwerfungen.

Warum wollte Günter Blobel sein Haus am Neumarkt nicht nach dem Original wiederaufbauen?
Ein originalgetreuer Wiederaufbau stände im Widerspruch zu den heutigen Anforderungen. Anders als vor 160 Jahren sollen großzügige Wohnungen mit Salons von mehr als drei Metern Raumhöhe entstehen. Mit den originalen Stilmitteln der historischen Fassade lassen sich diese Nutzungsansprüche jedoch gut umsetzen.

Für den nicht originalgetreuen Wiederaufbau des kleinen Neumarkt-Kaufhauses wurde er von den Neumarkt-Wächtern scharf kritisiert. Hat ihn das sehr belastet?
Blobel ging davon aus, dass es seitens des Neumarktvereines Kritik geben würde, denn die, wie er immer sagte, zum Teil unzeitgemäßen Grundsätze waren ihm ja bekannt. Zugleich glaubte er aber, dass die Art seines Umganges mit dem historischen Erbe später einmal, wenn das Gebäude fertig ist, zu einem Um- oder Weiterdenken der Gesellschaft führen würde.

Hat er darüber nachgedacht, aus dem Verein auszutreten?
Über einen Austritt hat er nie auch nur im Ansatz nachgedacht. Ganz im Gegenteil, mir gegenüber sprach er immer sehr achtungsvoll von der Gesellschaft Historischer Neumarkt, weil ihm bewusst war, dass es den Neumarkt in seiner heutigen Form niemals ohne das unermüdliche Streiten des Vereins geben würde.

Dennoch sprach Blobel von „fundamentalistischen Forderungen“ der Neumarkt-Wächter. Das klingt wie ein Bruch und nicht nach Versöhnung.
Von einem Bruch zwischen ihm und dem Verein konnte zu keinem Zeitpunkt die Rede sein. Als Ehrenmitglied sah er sich in der Pflicht, seine Ansichten einzubringen und auf diese Weise den Verein nicht nur finanziell, sondern auch ideell zu fördern.

Wechselten er und die Vereinsmitglieder denn noch Worte miteinander?
Vor vier Monaten hatte der Vorsitzende der Gesellschaft in einem sehr netten Weihnachtsbrief erklärt, dass er sich mit dem Gebäude versöhnt hätte, und dass die Proportionen der Fassade seiner Meinung nach jetzt sogar besser seien als bei dem Vorgängerbau. Das hat Blobel sehr gefreut.

Günter Blobel ist tot. Wer wird das kleine Kaufhaus zu Ende bauen?
Das Vorhaben wird von einer Blobelhaus-Projektgesellschaft, die sich in Gründung befindet, weitergeführt.

Damals, als Blobel das Grundstück erwarb, unterstellte man ihm, er hätte das nur getan, um den Wiederaufbau des alten Gewandhauses an dieser Stelle zu verhindern. Stimmt das?
Nein, dazu hätte es ja gar keine Rechtsgrundlage gegeben. Die Stadt war und ist frei in ihren städtebaulichen Entscheidungen. Eine andere Frage ist, ob Günter Blobel das Grundstück überhaupt bebaut hätte oder eher wieder verkauft, wenn seine Hausfront am Neumarkt mit einem Neubau verdeckt worden wäre.

Was wird jetzt am Gebäude gemacht?
Der Rohbau ist abgeschlossen, zurzeit erfolgen noch Arbeiten am Dach. Aber vor allem ist der Innenausbau im Gange. Da die Stadtverwaltung zurzeit das grüne Gewandhaus davor anlegt, musste das Gerüst an der Neumarktseite abgebaut werden. Die Arbeiten an der Fassade sind jetzt für drei Monate unterbrochen. In den Sommermonaten wird die Fassade dann fertiggestellt, mit dem historischem Dekor aus dem Jahre 1850. Das ist möglich, weil aus dieser Zeit noch die alten Pläne vorhanden sind. Es kommen gedeckte Farben in Beige und zarten Grautönen zum Einsatz.

Wann wird das Haus fertig sein?
Der Bauablauf sieht vor, dass das Haus noch im vierten Quartal dieses Jahres eröffnet wird. Günter Blobel sprach davon, für interessierte Dresdner einen Tag der offenen Tür anzubieten. Ob auch die Projektgesellschaft ein solches Event vorsehen wird, bleibt abzuwarten.

Wie viele Wohnungen entstehen?
Es entstehen vier kleine und vier große Wohnungen, die verkauft oder vermietet werden. Kauf- oder Mietverträge wurden jedoch noch nicht geschlossen.

Unten soll eine Galerie für zeitgenössische Kunst entstehen. Warum?
Das ist seiner Vorliebe für die Künste geschuldet und durch seine Frau, Laura Maioglio, eine studierte Kunstwissenschaftlerin, unterstützt worden. Vielleicht spielte auch eine Rolle, dass meine Frau, die Malerin Lucia Maria Kaiser, ihn mit ihren Gemälden so sehr angesprochen hat, dass er die Foyers seines Neumarkthauses mit ihren Bildern ausstatten wollte.

Das gesamte Interview

Das Gespräch führte Sandro Rahrisch.

 

Visualisierung:
Auf dem Neumarkt hat der verstorbene Nobelpreisträger Günter Blobel  Millionen in den Wiederaufbau des kleinen Kaufhauses gesteckt.

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